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Stimmen aus der Reichsstraße

Wie erleben Gewerbetreibende die Entwicklung der Reichsstraße? Im Anschluss an unsere Umfrage haben wir mit vier Menschen gesprochen, die hier mit ihren Geschäften und Betrieben verwurzelt sind. Sie berichten von ihren Erfahrungen, von Veränderungen im Einkaufsverhalten und bei Gewerbemieten, aber auch davon, was die Reichsstraße für sie ausmacht und wie sie ihre Zukunft sehen.

Steven Gröbler
Access-Tankstelle, Reichsstraße 86
„Der Motor stottert“

„Wenn es so weitergeht, dann sieht es für mich so aus, dass wir hier demnächst gar nichts mehr haben. Der lokale Einzelhandel ist der Motor der Reichsstraße. Er schafft Leben, Verbundenheit und vor allem Jobs. Wenn dieser wegbricht, dann haben wir ein riesiges Problem.

„Wenn es so weitergeht, dann sieht es für mich so aus, dass wir hier demnächst gar nichts mehr haben. Der lokale Einzelhandel ist der Motor der Reichsstraße. Er schafft Leben, Verbundenheit und vor allem Jobs. Wenn dieser wegbricht, dann haben wir ein riesiges Problem.

Wenn man sich die Reichsstraße anschaut, haben wir jetzt schon viel Leerstand und unter den jetzigen Umständen wird es in den nächsten Jahren wohl eher mehr als weniger Leerstand geben. Geld wird hier nur mit den Einnahmen hoher Mieten verdient. Das Interesse liegt rein auf Profit.

Aus meiner Sicht ist der Ansatz der SPD für die Einführung eines Gewerbemietspiegels sehr gut – dafür würde ich sofort unterschreiben. Viele Läden, die hier gern gesehen waren, mussten die Reichsstraße bereits verlassen, weil sie sich aufgrund der hohen Mieten einfach nicht halten konnten. Es gab hier zum Beispiel einen türkischen Gemüsehändler, bei dem wir immer gern gekauft haben. Jetzt ist er leider weg … Aber klar, wie soll man sich auch Mieten von 3.000 bis 4.000 Euro pro Monat leisten, Personal bezahlen und dann noch Wohnraum. Da bleibt am Ende einfach nichts übrig.

Und mit den Geschäften und kleinen Läden gehen auch die Leute. Die Politik der zu hohen Mieten zieht einen richtigen Rattenschwanz nach sich.

Keine Geschäfte, keine Kunden. Die Reichsstraße lebt vom Zusammenhalt aller Läden. Kein Einzelner kann ohne den anderen langfristig bestehen. Auch für mich heißt das: weniger Kunden, weniger Umsatz.“

Frau Uhle
Uhle-Design, Reichsstraße 81
„Die Reichsstraße muss sich neu erfinden“

„Ich mache einen meiner drei Läden in der Reichsstraße zu, weil der Umsatz rückläufig ist, die Kosten zu hoch geworden sind und, wie allgemein bekannt, die Leute im Internet einkaufen. Teilweise kommen sie aber vorher hier vorbei, lassen sich beraten und sagen dann: Ach, da schaue ich jetzt mal im Internet. Das verstehe ich nur dann gut, wenn Mütter mit Kindern sich die Sachen nach Hause kommen lassen, in Ruhe aussuchen und einen Teil der Sachen zurückschicken. Es hat allerdings den Nachteil, dass die Umwelt damit belastet wird, weil die Retouren nämlich in der Regel vernichtet werden. Die Kaufhäuser in Berlin sind schon leer deswegen! Eigentlich sind die Onlinehändler Konkurrenten, aber man muss mit der Zeit gehen und eventuell die Reißleine ziehen.

Hier galt früher das Motto „Reichsstraße – da muss ich hin“, das habe ich miterfunden. Es war eine beliebte Einkaufsstraße mit allem – von Schuhgeschäften über Kinderkleidung bis zu Geschenken – alles das fehlt heute hier!

Man muss auch wissen: Hier wohnen nicht mehr nur alte Leute! Allein in meinem Haus sind zwei Familien mit Kindern eingezogen, inzwischen sind es 10 Kinder bei uns – das Westend verändert sich. Leider haben die Mieten immens angezogen. Wenn da nicht beide Eltern arbeiten, geht es gar nicht.

Die Gewerbemieten sind auch teilweise wahnsinnig gestiegen. Es ist wirklich schade, dass wir jetzt so viele leere Läden haben.

Die Straße muss sich neu erfinden! Wir brauchen nicht noch mehr Nagelstudios. Zum Glück übernimmt mein Enkel demnächst das Geschäft. In meinem Alter will ich ein bisschen weniger arbeiten. Aber hier am Steubenplatz bleiben wir erst einmal noch – schon wegen meiner Stammkunden. Die kommen schließlich aus ganz Berlin und dem Umland: Potsdam, Seeburg und manche alte Freunde sogar aus Hamburg!“

Carolin Schönle
Filialleiterin, Der Divan, Reichsstraße 104
„Wir sehen wieder ein bisschen Zukunft“

„Es machen in letzter Zeit immer mehr Geschäfte zu, auch inhabergeführte Geschäfte, die es vorher schon lange gab. Und wenn ich mich dann mit den Leuten unterhalte, höre ich, dass die Mieten eine große Rolle gespielt haben. Da hat beispielsweise der Teeladen geschlossen und ein Geschäft für Kindermode. Das Ergebnis war ein Dominoeffekt: Leute, die aus dem Teeladen kamen, sind früher auch bei uns vorbeigekommen. Oder dass jetzt der Modeladen Uhle direkt nebenan auszieht: Das ist für uns schon von Nachteil.

Es werden immer weniger Geschäfte, die nachkommen, die sich auch längerfristig halten können, weil die Angebote von ihnen für die Menschen von Interesse sind.

Bei uns ist zum Beispiel der Anteil von Kunden, die in den Laden kommen, deutlich höher als der Teil, der auf unserer Website online bestellt. Und selbst diejenigen, die ihre Bücher bestellen, lassen sie nicht nach Hause liefern, sondern wollen sie bei uns im Laden abholen.

Wir haben durch die Buchpreisbindung darüber keine Möglichkeit, mehr Umsatz zu machen. Aber unsere Non-Book-Artikel werden sehr gut akzeptiert als Ergänzung zum reinen Buchkauf.

Wenn ich in die Zukunft schaue, haben wir kein so großes Problem mit der Miete, denn unsere Vermieter wohnen mit im Haus und haben ein Interesse daran, dass der Buchladen langfristig bleibt; die haben nicht das maximale Profitstreben. Allgemein ist es schon so, dass sämtliche Kosten steigen und das Betriebsergebnis auffressen – davon bleiben wir auch nicht verschont.

Es gibt aber auch eine sehr schöne Entwicklung: Seit Kurzem hat sich unser Kundenstamm verändert. Noch vor ein paar Jahren waren das meistens Menschen „80+“ – inzwischen sehen wir immer mehr junge Familien. Gerade jetzt zum Schulanfang kamen viele Kinder zu uns in den Laden. Das war lange Zeit nicht der Fall, und das ist jetzt sozusagen ein bisschen mehr der Blick in die Zukunft für uns.“

Ina Jennrich
Ina&Friseure, Reichsstraße/Eschenallee
„Früher war mehr Miteinander“

„Als ich den Salon eröffnet habe, bin ich mit Luftballons und meinen selbstgemachten Flyern die Reichsstraße rauf und runter gegangen und habe die Menschen angesprochen. Vor allem natürlich die mit einem gepflegten Aussehen, die Wert auf einen guten Haarschnitt legen.

Heute erwarten gerade die Jüngeren immer mehr, dass sie uns online buchen können wie einen Arzt oder ein Restaurant.

Aber für mich gehört der direkte Kontakt einfach dazu. Wir sprechen die Termine mit unseren Kunden ab. Das ist verbindlicher und führt dazu, dass sie ihre Termine nicht so leicht vergessen. Denn wir haben ja eine Abmachung und keinen Online-Klick.

Und ich setze weiter auf direkte Vernetzung: Zum Beispiel empfehle ich das perfekte Verwöhnprogramm im Kosmetikstudio um die Ecke und die geben ihren Kunden einen Tipp für unseren Salon – darauf sind dann Prozente für einen Haarschnitt bei uns drin.

Das wäre wieder mehr Miteinander in der Reichsstraße – so, wie wir hier damals angefangen haben.“